CfP: Risiko. Traverse – Zeitschrift für Geschichte – Revue d’histoire, 3/2014

4. August 2013
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Nach dem schweren Erdbeben vor der Ostküste Japans, den massiven Zerstörungen durch den nachfolgenden Tsunami und der Reaktorkatastrophe in Fukushima begann es in den Medien von «Schwarzen Schwänen» zu wimmeln. Bis zur Entdeckung Australiens und den dort beheimateten schwarzen Schwänen waren die Menschen in Europa überzeugt, alle Schwäne seien weiss. Karl Popper führte «schwarze Schwäne» als Metapher für die Widerlegung einer Theorie oder einer Hypothese ein (1935). Nassim Taleb schrieb in seinem vielbeachteten Buch «Der Schwarze Schwan» (2008) seiner gefiederten Metapher drei Attribute zu: Erstens ist es ein Ereignis, das sich der Vorstellungskraft der Menschen entzieht, weil in der Vergangenheit nichts auf sein mögliches Auftreten hinwies. Zweitens hat es enorme Auswirkungen auf die betroffenen Gesellschaften, die drittens versuchen, das Ereignis im Nachhinein zu erklären, zu rekonstruieren und vorhersehbar zu machen, um solche Anomalien künftig zu beseitigen. Obwohl Taleb in seinen Ausführungen über den menschlichen Umgang mit Unvorhersehbarem und Unerwartetem immer auch von Risiko in Form von Risikokalkulation, Risikowahrnehmung oder Risikomanagement spricht, bleibt der Begriff merkwürdig konturlos und erscheint als selbsterklärende Konstante.

Im Themenheft «Risiko» der traverse soll es um die begriffliche Ausdifferenzierung und thematische Funktionalisierung von Risiko aus historischer Perspektive gehen. Seit der Mitte der 1980er Jahre kursiert «Risiko» als Schlagwort in den Sozialwissenschaften, woraus eine Flut an Beiträgen in den Bereichen Politikwissenschaft, Soziologie und der Wirtschaftswissenschaften entstanden ist. Oft erscheint er als Gegenbegriff zu «Sicherheit» oder in unmittelbarer Nähe zu «Gefahr», «Wagnis» und «Chance», und meist haftet ihm etwas unmittelbar Modernes an (Lagadec 1981; Beck 1986; Giddens 1991; Luhmann 1990, 1991; Bechmann 1997). Mit dem Themenheft möchte traverse die spezifisch historische Dimension von Risiko und Risikodiskursen beleuchten und dessen Bedeutung für die Wissenschafts-, Wirtschafts-, Sozial- und Umweltgeschichte sowohl für die vormodernen als auch für die modernen Gesellschaften ausloten.

Der Blick auf den Umgang von Gesellschaften mit Gefahren, Naturkatastrophen oder Finanzkrisen, ihre historisch spezifischen Bewältigungsstrategien, Deutungsmuster und Wahrnehmungsweisen erweisen sich als weiterführend für die Analyse von Risiko. Das Bestreben um Risikominimierung erscheint als geradezu anthropologische Dimension der Geschichte (Wisner et al. 2004). An Flussläufen entstanden «Überschwemmungskulturen» – Naturkatastrophen haben eine physische und eine kulturelle Seite –, Schutzwälder bannten die Lawinengefahr, gefährdete Gebiete blieben unbesiedelt und die Bauern bauten verschiedene Getreidesorten auf verschiedenen Höhenstufen an, um sich gegen Missernten abzusichern.

Risiken sind situationsspezifisch und kontextabhängig; «Risiko» als Begriff sperrt sich deshalb gegen eine einheitliche, allgemeingültige Definition. Gerade ein Blick auf das Verhältnis von «Risiko» und «Sicherheit» zeigt erstens die historisch verschiedenen sozialen, kulturellen und ökonomischen Kontexte, zweitens die damit einhergehenden unterschiedlichen Wahrnehmungen von «Sicherheit» und «Gefahr» sowie drittens die variierenden Definitionen von «Risiko» durch die Akteure und die individuellen, institutionellen und staatlichen Organisationsformen. So nahm beispielsweise die Gefahr von Stadtbränden durch die Zunahme von Steinbauten, der Professionalisierung der Feuerwehr, neuen Brandbekämpfungstechniken und Präventionsauflagen der Feuerversicherungen deutlich ab. Im Laufe der Zeit hatten Brände die individuellen und kollektiven Verhaltensweisen verändert und die Risikominimierungsstrategien erwiesen sich als Katalysatoren einer gewissen Modernisierung. Zudem waren bereits im Mittelalter Systeme entstanden, in welchen die Menschen Alltags-, Geschäfts- und Naturrisiken versichern konnten. Zu erwähnen sind hier beispielsweise die Schifffahrtsversicherungen der italienischen Kaufleute im 14. Jahrhundert. In den folgenden Jahrhunderten entstanden immer mehr Möglichkeiten, um sich auf privater, genossenschaftlicher oder staatlicher Ebene gegen Risiken wie Piraterie, Brände, Krankheiten des Viehs, Hagel oder Armut finanziell abzusichern.

Die Minimierung von Risiken, welche die Menschen durch ihre Handlungen und Verhaltensweisen teilweise erst schufen, erfasst nur eine Seite des Begriffs «Risiko». Die andere Seite sind die Menschen, die bewusst Risiken eingehen. Sie spekulierten mit Lebensmitteln, Tulpen oder Geldern, und sie setzten sich Gefahren aus, um ihren Gewinn (ökonomischer, emotionaler oder intellektueller Art) zu erhöhen.

Im alltäglichen Umgang mit Risiken lassen sich Brüche, Übergangsphasen und Kontinuitätslinien genauso nachzeichnen wie die Verstärkung von bestehenden Ungleichgewichten. Die Zeitschrift traverse sucht Beiträge, welche die Produktion gesellschaftlicher Risiken im Sinne von Taleb oder Becks «Risikogesellschaft» untersuchen, aber auch Artikel zu Risikodiskursen, zu Risikominimierungsstrategien, Risikowahrnehmung oder zum bewussten Eingehen von Risiken im Sinne einer Inkaufnahme von Schaden zur Realisierung eines möglichen Nutzens oder Ertrags. Explizit erwünscht sind Beiträge, die «Risiko» unter wirtschafts-, umweltwissensgeschichtlichen Gesichtspunkten analysieren oder sozial- und kulturhistorische Bedeutungen fokussieren.

Willkommen sind Artikel aus allen Epochen, die exemplarische Einzelfälle untersuchen, die eine (auch epochenübergreifende) Längsschnittanalyse vornehmen oder die eine (räumlich) vergleichende Perspektive einnehmen. Der geplante Schwerpunkt der traverse 3/2014 soll acht Artikel à ca. 10–12 Seiten umfassen (max. 27'500 Zeichen inkl. Leerschläge und Bibliographie).

Wir laden Interessierte ein, uns bis spätestens 5. August 2013 ein Abstract von ca. 1 Seite, ein kurzes CV sowie eine Auflistung der bisherigen allfälligen sachverwandten Publikationen zu senden. Die druckreifen Manuskripte müssen bis 16. März 2014 eingereicht werden. Die Abstracts sind an Tina Asmussen (tina.asmussen@revue-traverse.ch) oder Daniel Krämer (daniel.kraemer@revue-traverse.ch) zu senden.

Anmerkungen:
Ulrich Beck: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt a. M. 1986.

Gotthard Bechmann (Hg.): Risiko und Gesellschaft. Grundlagen und Ergebnisse interdisziplinärer Risikoforschung. Opladen 1997.

Anthony Giddens: Modernity and Self Identity. Self and Society in the Late Modern Age. Cambridge 1991.

Patrick Lagadec: La civilisation du risque, Catastrophes technologiques et responsabilité sociale. Paris 1981.

Niklas Luhmann: Risiko und Gefahr. In: Ders.: Soziologische Aufklärung, Kap. 5: Konstruktivistische Perspektiven. Opladen 1990. S. 131-169.

Niklas Luhmann: Soziologie des Risikos. Berlin 1991.

Karl R. Popper: Logik der Forschung. Tübingen 1976 (erstmals 1935).

Nassim Nicholas Taleb: Der Schwarze Schwan. Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse. München 2008.

Ben Wisner et al.: At Risk. Natural Hazards, People’s Vulnerability and Disasters. 2. Auflage. New York 2004.

Organisiert von
Traverse – Zeitschrift für Geschichte – Revue d’histoire

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Daniel Krämer

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